Neue wissenschaftliche
Erkenntnisse stützen die Vermutung, daß die in der Krebsdiagnostik
seit Jahrzehnten bewährten, jedoch mit einem hohen Strahlenrisiko
belasteten Techniken der konventionellen Röntgendiagnostik
bzw. Computertomographie schon bald durch wesentlich aussagekräftigere
und gleichzeitig schonendere diagnostische Verfahren ergänzt
bzw. gar abgelöst werden. Als zukunftsweisende Innovation
für die Erkennung und Differenzierung von Tumorerkrankungen
gilt ein neuartiges bildgebendes Verfahren - die Magnetresonanztomographie
(MRT) unter Einsatz organspezifischer, supraparamagnetischer
Kontrastmittel.
Anläßlich des 80. Deutschen
Röntgenkongresses stellten führende deutsche Radiologen
auf einer von die Firma Guerbet S. A., Paris, veranstalteten
Pressekonferenz Studienergebnisse vor, die diesen Trend belegen.
Die MRT bedient sich zur Signalgebung
der schwach magnetischen Eigenschaften des Wasserstoff-Atomkernes,
der ein Bestandteil aller Zellen ist. Werden diese Atomkerne
in einem starken Magnetfeld pulsierenden elektromagnetischen
Wellen ausgesetzt, senden sie selbst kurzzeitig elektromagnetische
Wellen aus, die von Empfängerspulen gemessen und per Computer
zu einem Bild, dem Tomogramm, zusammengesetzt werden. Voneinander
abweichende Signalstärken, abhängig von der Wasserstoffdichte
des jeweiligen menschlichen Gewebes, bedingen dabei eine deutlich
untersschiedliche Kontraststärke der Körper - und Organstrukturen.Jede
Veränderung der magnetischen Umgebung im Gewebe, auch jene
die durch organspezifische Kontrastmittel ausgelöst werden,
führt zu typischen Veränderungen des Kontrastes der abgebildeten
Körperstrukturen.
Substanzen wie mikrokristallines
Eisenoxyd, die in einem äußeren Magnetfeld selbst schwach
magnetische Eigenschaften entwickeln, werden als superparamagnetisch
bezeichnet. Als organspezifisches Kontrastmittel wird durch
sie das natürliche Magnetfeld des MRT beeinflußt und das typische
Organbild spezifisch verändert: es resultiert eine Abschwächung
bzw. Auslöschung der ansonsten vorhandenen MRT-Signale mit
Bildschwärzung der vom Kontrastmittel erfaßten Organe.
Abhängig von der Partikelgröße
und ihrer jeweiligen Beschichtung reichert sich das Kontrastmittel
in den Zellstrukturen spezifischer Organe an: Eisenoxyd mit
einer Teilchengröße von 150 Nanometern wird ausschließlich
in den phagozytierenden Kupfferschen Sternzellen der Leber
gespeichert; Eisenoxydpartikel bis 30 Nanometer reichern sich
dagegen spezifisch in den Makrophagen gesunder Lymphknoten
an. Partikel mit einer Teilchengröße von ca. 300 Nanometern
können wiederum - oral oder rektal verabreicht - als darmspezifisches
Kontrastmittel eingesetzt werden.
In einer gesunden Leber von normaler
Größe und Zellstruktur wird das Kontrastmittel durch Signalabschwächung
ein typisches abgedunkeltes MRT-Bild ergeben. Sind hingegen
durch einen malignen Prozeß Teile des normalen Lebergewebes
verdrängt, wird ein Tomogramm mit deutlichen Defekten aufgezeichnet,
da Tumorzellen dieses spezifische Kontrastmittel nicht zu
speichern vermögen und sich so deutlich vom intakten Umgebungsgewebe
abheben.
Vier Jahre nach Einführung des
weltweit ersten und bisher einzigen für die Leber spezifischen
Kontrastmittels Endorem (Fa. GUERBET) , gilt
diese Substanz heute auch in vielen deutschen Strahleninstituten
bei der MRT-Leberdiagnostik als Mittel der ersten Wahl.
Prof. Dr. Thomas Vogl
vom Zentrum für Radiologie der Universitätsklinik Frankfurt
konnte dieses Verfahren bisher bei über 1.000 Patienten erfolgreich
einsetzen. Nach seiner Einschätzung ist mit Endorem
eine signifikante Verbesserung in der Tumordiagnostik von
15 bis 30% erreichbar. Dieses gilt sowohl für die Sensitivität
der Untersuchung wie auch für eine differentialdiagnostische
Unterscheidung von benignen und malignen fokalen Leberprozessen.
Für Patienten mit einer Leberzirrhose ist die Abgrenzung maligner
Läsionen von sogenannten benignen Regenerationsknoten bei
der Entscheidung für oder wider eine Organtransplantation
von entscheidender Bedeutung.
Mittlerweile liegen ähnliche
positive Studienresultate auch für das organspezifische Kontrastmittel
des Magen-Darmtraktes Lumiren (Ferumoxsil) vor. Seine
Anwendung in der Darstellung des Abdomens erfolgt hauptsächlich
im Rahmen der Diagnostik bösartiger Erkrankungen der Gallenwege,
entzündlicher und maligner Erkrankungen des Pankreas sowie
entzündlicher und geschwulstartiger Darmkrankheiten. Besonders
die Erkennung und Differenzierung von Pankreasprozessen konnte
laut internationalen Studien durch den Einsatz der Magnetresonanz-Cholangiopankreatikographie
(MRCP) mit Lumiren um bis zu 30% verbessert werden.
Auch Dr. Hermann Helmberger
vom Institut für Röntgendiagnostik der TU München konnte durch
die Kontrastmittel-MRT bei gynäkologischen und kolorektalen
Tumoren des Beckenraumes gegenüber konventionellen Methoden
um etwa 40% verbesserte Ergebnisse erzielen. Durch die homogene
und zuverlässige Signalauslöschung im kolorektalen Bereich
und die daraus resultierende verbesserte Markierung gynäkologischer
Organe, von Lymphknoten oder Tumoren des Rektum und Kolosigmoids
gilt Lumirem auch für diesen Indikationsbereich als
wichtiges Diagnostikum.
Eine weitere Neuerung stellte
Prof. Dr. Bernd Hamm vom Institut für Röntgendiagnostik
der Charite Berlin in Wiesbaden mit einem für Lymphknoten
spezifischen Kontrastmittel (Prüfname AMI-227) vor.
Auch diese Substanz wurde von der Firma Guerbet (in
Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Forschungsunternehmen
Advanced Magnetics Inc.) entwickelt und basiert auf
dextranbeschichteten, biodegradierbaren Eisenoxyd-Partikeln
im Größenbereich von 30 Nanometern. Es befindet sich zur Zeit
in klinischer Prüfung und wurde an der Charite Berlin im Rahmen
von Phase III- Studien bei der Diagnostik verschiedener Tumore
eingesetzt. In die Blutbahn von Krebspatienten injiziert,
ermöglicht diese vielversprechende Substanz eine um 30% signifikant
verbesserte Markierung der betroffenen Lymphknoten und gestattet
durch die erzielbaren sehr guten Bildkontraste die genaue
Differenzierung entzündlicher und metastatisch vergrößerter
Lymphome im Beckenraum.
Prof. Hamm betonte,
daß sich dieser Technik ein immens großes diagnostisches Feld
eröffnet, das derzeit von Tumoren der Brust, der Prostata,
Harnblase, der Nieren und Beckenorgane bis zu Neoplasmen des
Kopf-Halsbereiches reicht und auch die Darstellung kleiner
Lymphknoten-Metastasen ermöglicht.
Ließen sich mit den bisher verfügbaren
bildgebenden Verfahren bei Tumoren im Kopf-Halsbereich etwa
70% aller metastatischen Lymphknoten identifizieren, so kann
diese Rate nach der Erfahrung von Prof. Vogl nunmehr
auf 95% gesteigert werden.
Neben seiner guten Verträglichkeit
und der fehlenden Strahlenbelastung bietet AMI-227
dank seiner langen Verweildauer im lymphatischen Gewebe den
Vorteil eines großen diagnostischen Zeitfensters und kann
auch im Blut als Kontrastmittel für die MRT-Angiographie eingesetzt
werden.
Aus einer derart verbesserten
Tumor-Diagnostik ergeben sich auch für die nachfolgende Therapieplanung
weitreichende Konsequenzen: die Entscheidung für oder wider
eine Operation, für Art und Umfang eines Eingriffs, für eine
Bestrahlung oder Chemotherapie wird bei vielen Tumorerkrankungen
durch den möglichen Lymphknotenbefall entscheidend mitbestimmt.
Für die Qualität und diagnostische
Zuverlässigkeit der MRT-Tumordiagnostik stellt die Entwicklung
und Einführung der organspezifischen, superparamagnetischen
Kontrastmittel somit einen Meilenstein dar.